Dienstag, 31. März 2015

Unverhofft kommt oft (oder: das Memo habe ich wohl verpasst)

In den letzten zwei Wochen bin ich ständig in Veranstaltungen reingelaufen, von denen ich scheinbar als einziger in der Stadt nichts wusste. Angefangen hat das mit der Saint Patrick's Day Parade. Da ich meistens mit Walkman unterwegs bin, hat mich der Klang der Dudelsäcke nicht schon auf Kilometer hinweg abgeschreckt, so dass ich tatsächlich plötzlich vor dem Umzug stand und jungen, grüngekleideten Frauen mit Fahnen ihrer Heimat-Countys aus dem Weg springen musste. Und dann haben die Dudelsäcke meine Kopfhörer übertönt. Da begreift man ganz unmittelbar, dass der Dudelsack ursprünglich als Abschreckungsmittel früher klangbasierter psychologischer Kriegsführung entwickelt worden ist.

Der Umzug an sich war nicht sonderlich groß, vielleicht hundert Leute oder so, aber überall haben sich Menschen gesammelt und den Feiernden gewinkt oder zugeprostet. Es war immerhin schon nach fünf, also höchste Zeit für ein Feierabendbier nach hiesigem Brauch, und so hat sich die Feier dann auch ganz automatisch durch die Innenstadt verteilt. Allein auf der großen Einkaufs- und Restaurantstraße Strøget gibt es drei oder vier Irish Pubs, und vor denen haben sich dann sehr urige Szenen abgespielt. Schön ist einfach immer wieder, dass viele Kopenhagener solchen Veranstaltungen gegenüber total offen sind, und man konnte überall freundliche Großmütter im Gespräch mit von-Kopf-bis-Fuß-in-grün gekleideten, ziemlich betrunkenen Ausländern sehen konnte.

Und dann haben sich bei uns im Atrium die Ereignisse regelrecht überschlagen. Anfang der Woche hatten wir das wahrscheinlich bizarrste Event, dass ich hier mitbekommen habe. Eine lokale Spielefirma hat mit dem Gesundheitsministerium eine Blutspenden-Aktion veranstaltet. Als Belohnung gab es statt einer Limo und einem Schokoriegel ein Computerspiel, wobei man sogar mit etwas Glück richtig neue Titel gewinnen konnte. Die Schlange hat allen Ernstes unser ganzes Atrium gefüllt, und das den ganzen Tag lang, bis irgendwann die Veranstalter den Spendenwilligen sagen mussten, dass ihnen die Spiele ausgegangen sind. Das nenne ich ein zielgruppenorientiertes Konzept! Nur wer jetzt denkt dass nur unsere technisch orientierten männlichen Studierenden angestanden hätten, täuscht sich. Gerade gegen Feierabend kamen eine Menge junger Menschen in Blaumann oder Malerkluft durch die Tür, und, wie eigentlich überhaupt bei uns im Gebäude, war auch die Schlange eigentlich ziemlich ausgewogen, was die Geschlechterverteilung anging. (Die junge Mutter mit ihrem vielleicht halbjährigen Kind auf dem Arm hat mich ein bisschen unruhig gemacht, geht aber mit Sicherheit als schlagender Beweis für eine breite Akzeptanz durch.)

Kaum hatte sich der Rauch von dieser Veranstaltung verzogen, ging es bzw. geht es gerade mit dem nächsten Großereignis weiter: der Papierflieger-Weltmeisterschaft! Gesponsort von Red Bull (wem sonst), haben wir jetzt ein paar Tage lang einen intensiven Wettbewerb von Athleten aus aller Welt mit ihren hochentwickelten Protoypen beobachten können, stilecht begleitet von einem DJ, moderiert von drei Jungs in Fluganzügen und mit ein paar Hostessen in Stewardessen-Uniform, die Energie-Drink-basierte Cocktails reichen. Dazu sollte man vielleicht noch sagen, dass unsere Uni für die Vermietung des Atriums richtig Geld nimmt, offiziell für die Reinigungskosten. Hier wird also unmittelbare Forschungsförderung betrieben. Wenn wir statt weißem Papier jetzt noch ausgediente Formulare und andere Makulatur benutzt hätten, wäre das ganze sogar als ansatzweise nachhaltig durchgegangen. Gerade jetzt läuft die Endausscheidung an. Mal sehen, ob ich die Siegerehrung mitbekomme; eine Champagnerdusche in der Uni wäre auch für mich neu.

Freitag, 27. März 2015

Im Vorfrühling die Kuh fliegen lassen

Seit zwei Wochen ist es scheinbar schlagartig schon immer so früh hell, dass es mir ganz komisch vorkommt, vor einem Monat noch aus ganzem Herzen über die unmenschlich kurzen Tage hier gejammert zu haben. Schon seit Anfang März geht die Sonne so früh auf, dass ich keinen Wecker bräuchte, und in spätestens vier Wochen werde ich ernsthaft über zusätzliche Verdunklung nachdenken müssen, wann immer ich länger als bis sieben schlafen will.

Das dänische Gemeinschaftsleben ist auf diese Gezeitenwechsel natürlich bestens eingestellt. Damit meine ich, dass nicht nur die ersten Einzelgänger in Shorts oder bauchfreien Tops unterwegs sind, sondern ganze Geschätszweige angefangen haben, sich für die warme Jahreszeit ... nun ja, warmzumachen. Am ersten Märzwochenende haben die Eisdielen wieder geöffnet, und bei Paradis, der größten Kette, gibt es am ersten Geschäftstag eine Gratisportion. Diese Information ist schon reichlich beruhigend, wenn man Schlangen um Häuserblocks anstehen sieht und sich fragt, ob man es mit Massenpanik oder Notstand zu tun hat.

Auch alles ansatzweise touristische kommt jetzt aus dem Winterschlaf. Bei manchen Veranstaltungsorten ist es absolut einleuchtend, dass man sie im Winter nicht nutzt. Es gibt hier eine alte Zisterne, die jetzt als Ausstellungshalle genutzt wird, und bei Minusgraden will man jetzt wirklich nicht in einer immer feuchten, dunklen künstlichen Höhle Zeit verbringen. Manche Orte könnten aber definitiv auch das ganze Jahr durch genutzt werden, wenn man nur ein paar Kleinigkeiten ändern würde. Klar ist es zunächst vielleicht der "Street Food Market" nichts, was man als wintertaugliche Attraktion vorstellen würde.

Da aber das wechselhafte Wetter in Kopenhagen die Einheimischen recht vorsichtig macht, liegt die Betonung nicht auf Street, sondern auf Food. Statt unter freiem Himmel sind die Imbissbuden mit Essen aus aller Herren Länder nämlich in einer alten Lagerhalle aufgebaut. Das ist nur ganz am Anfang befremdlich, auch wenn es den unvermeidlichen Nebeneffekt mit sich bringt, dass man sich eben wie in einer riesigen Garküche fühlt. Die Betreiber haben sicher ausgeklügelte Maßnahmen getroffen, um den Kochdunst von fünfzig Grills, Woks und Pfannen aus der Halle zu schaffen, aber natürlich funktioniert das kein Stück. Es ist ein bisschen wie ein Disko, in der man die Nebelmaschine mit Frittenfett gefüllt hat - ein bisschen eklig, aber stimmungsvoll. Ich frage mich aber noch immer, ob die Location eine Notlösung oder Ergebnis ungeheuer ausgeklügelter Überlegungen ist: Auf Papirøen, einer der Binnenhafen-Inseln gelegen, ist der Street Food Market eigentlich nur mit dem Fahrrad wirklich sinnvoll zu erreichen. Es gibt zwar eine Verbindung mit den Wasserbussen zur Nachbarinsel, aber die Linie fährt am Wochenende (und nur dann ist der Markt geöffnet) einmal in der Stunde. Wie gesagt, vielleicht ist das ja kalkül. Ich war jedenfalls zum Umfallen hungrig, bis wir endlich angekommen waren ... 

Freitag, 20. März 2015

The Avengers 2: Age of Physical Casting

[Nachdem ich letzte Woche statt erbaulicher Trivialitäten hier einen Nachruf veröffentlicht habe, muss ich diese Woche meine verbliebenen zehn Lesen noch ein bisschen schlimmer verprellen. Aber auch heute ist das einfach etwas, das ich gerade schreiben muss, und auch wenn es auf Englisch sein muss, wüsste ich eben nicht, wo sonst ich es tun sollte.]

So I had high hopes for today. I spent basically the whole week in class, supervision, or meetings, but today I wanted to be productive, in the right way, the one that produces pages of writing. And then I had a chat in the kitchen while making coffee, one of the kind that last for about an hour. Which wasn’t bad in itself, but which kept me thinking about all the wrong things, and now I have to get at least this one thought out of my system.

Miguel and I were discussing research for the most time, and I leave it to him to distill our reflections into something coherent in his blog or, god willing, a book, but as usual, we at some point ended up arguing about superhero movies. We both like them, albeit mostly for different reasons (with his being, needless to say, all the wrong ones). And we both have our problems with them, which, again, come from different directions. But we agreed that action movies somehow never quite got physical acting right – not in the way, at least, that approximated something like the expressiveness of Al Pacino in The Godfather. He is doing so much in the opening of that movie by wearing the uniform and carrying himself like a soldier or, more specifically, like a young officer that he wouldn’t need to say a single word to express the conflict he has with his family, that he doesn’t belong with the other guests at the wedding.

But then I realized that physicality may be exactly what good superhero movies get right, and it might actually be one of the reasons why The Avengers worked for me. In a mediocre superhero comic book, all that sets apart the characters may be their costumes. Especially the 90s school of Marvel style artists, even the big names like Todd McFarlane and Marc Silvestri, have a tendency to draw characters very much alike. They don’t all look the same, but they are definitely made from the same template, a sort of superhero stencil. (This might be most apparent in the ‘gorgeous generic babe’ approach to female characters of that era, but that’s not the point I’m after here).

The Avengers, on the other hand, has a cast that is cleverly orchestrated in terms of physicality, and the movie even presents the characters in ways that emphasize the relative physicalities of the characters and actors. I am not simply talking about size, or physical training, or costume design, but of a casting that takes all these factors into consideration and does so not only for the individual actors, but for the group. One of the few things that people seem to agree on about The Avengers is that it’s the first movie to get the Hulk right, and while a lot of that might be in the writing, the CGI, and of course Marc Ruffalo’s performance, I would argue that it’s mostly because the Hulk is a contrastive figure – he only works against the backdrop of these other characters which are neither as dissimilar as the soldiers from the Eric Bana/Ang Lee version nor as similar as Abomination from the Edward Norton/Louis Leterrier version. And even with this character that is computer-generated for the greater part of the movie, it all starts with the casting.


The third Age of Ultron trailer has this one group shot that absolutely highlights what I’m talking about: Each of these people is pretty much in the prime of their physicality, and whereas some movies don’t even get their one main actor into the proper shape – remember Christian Bale’s chubbyish post-The Mechanic Batman in Batman Begins? –, here they are differentiated in a way that make perfect sense. At first sight, it’s simply: boobs, shoulders, arms, waist, undefined. But it’s much more than that, and I’d say we register it subliminally even in a two-second-shot. It’s the gorgeous woman who doesn’t look the least fragile, whose leather suit isn’t completely clinging, because she not only will kick you ass, but knows that you will hit back at some point. It’s the straight arrow who cannot but face you frontally and, while built like a brick shithouse, carries himself like a boyscout. It’s the Norse warrior who has to flaunt his superhuman arms and his emblematic weapon because his morals are called into question every time he interacts with those puny humans. It’s the cunning artificer, the trickster and magician who always wants to make us believe that he doesn’t have anything up his sleeve while he, in effect, is all sleeve (or suit, in his case), which is why he dresses, moves and looks like a ballerina by comparison (even with the female team member). And it’s the guy without a haircut, who is so nondescript that he is actually put in a cramped frame of his own, a man of size and gravitas who is made to look like a frightened child next to those other physicalities.

That is one of the key aspects for which I admire these movies: an almost dehumanizing obsession with the male and female anatomy that is executed through juxtaposing variations on the theme of “the perfect human body” – in a way, and that is important, that far transcends the 80s action movies’ comparative bicep studies of Schwarzenegger-Stallone-Weathers. If I was cynical I might liken it to the Boygroup/Girlgroup approach to pop music, if I was generous I would call it the incarnation of the ensemble-piece approach to casting. Maybe The Avengers was, to me, the Gosford Park of superhero movies, but that would make Joss Whedon the Robert Altman of genre cinema, and I’m not yet ready to make THAT argument.

Freitag, 13. März 2015

Sprache, Liebe, Hoffnung. Zum Tod Terry Pratchetts

Die Welt hat gestern mit Terry Pratchett einen ihrer großen Lehrer verloren.
 
Das mag jetzt klingen, als wollte ich ihn für mich oder meinen Berufsstand vereinnahmen, aber soll ich mir ernsthaft anmaßen, über ihn als Schriftsteller oder als Menschen zu schreiben? Wenn Neil Gaiman schon vor Monaten auf seinen Freund und Kollegen einen wundervollen Nachruf zu Lebzeiten geschrieben hat und literarische Schwergewichte wie Margaret Atwood ihre Hochachtung vor dem häufig unterschätzten Sprachkünstler ausdrücken? Wer sollte das lesen wollen, von mir?

Terry Pratchett war jemand, der sich genau diese Frage immer gestellt hat. Jedes seiner Bücher zeugt davon, dass da jemand sehr genau hingeschaut und unglaublich viel nachgedacht hat, und gleichzeitig weise und besonnen genug war, eben nicht in eine Tirade, Predigt oder Belehrung zu verfallen. Wie kein anderer hat er verstanden, dass er Menschen unterhalten muss, um sie zu erreichen, und dass man nie neugieriger und aufnahmefähiger ist als wenn man Spaß hat. Er hat mich immer wieder gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken gebracht und mich in jedem Text aufs Neue daran erinnert, dass dies die wirkungsvollste Weise ist, um eine Idee zu transportieren. Und damit ist er für mich stets ein vorbildlicher Lehrer gewesen.

Ohne erhobenen Zeigefinger oder -stock hat er mit Sicherheit in mehr Zwölfjährigen eine Liebe zu oder doch zumindest eine Aufmerksamkeit für Sprache geweckt als Jahre von Schulunterricht und Anthologien voll großartiger, aber schwer zugänglicher Literatur. Jeden, der schreibt, weisen seine Texte auf die Notwendigkeit zu irre viel harter Arbeit hin, aber nicht in Form einer Ermahnung, sondern durch ihre Beispielhaftigkeit. Klar sind da oft Passagen, die wir so oder ganz ähnlich schon ein Dutzend Mal gelesen haben, doch in seinen besten Momenten – und von denen hatte er so viele – hat er Sätze konstruiert, die die die Grammatik und das Vokabular des Englischen bis weit über die Grenze dessen  hinausgeführt haben, was eigentlich machbar sein sollte. Diese unendliche Sensibilität für Sprache hat er mit einem Sinn für Humor verbunden, der die ganze Palette des Komischen abdeckt – was man, würde ich behaupten, durch die Menschheitsgeschichte hindurch nur ganz selten findet. Und noch dazu hat er sämtliche Register des literarischen beherrscht und mit Romanen wie The Fifth Elephant komische, politische Action-Thriller geschrieben, die uns aber nicht wegen ihrer perfekten Konstruktion im Gedächtnis bleiben, sondern wegen der Menschlichkeit ihrer Figuren, auch und gerade, wenn es sich bei ihnen eben nicht um Menschen handelt. Seine Verbindung aus Sprachgewalt, Humor, Scharfsinn und Ehrfurcht vor dem Menschlichen muss für seinen Schriftstellerkollegen eine vielleicht bittere, aber sehr lehrreiche Lektion darin gewesen sein, dass Vielschichtigkeit und Tiefe nicht das gleiche sind wie bitterer Ernst.

Was mir ungeheuren Trost gibt, ist das Bewusstsein – nicht die Hoffnung oder der Wunsch, sondern die absolute Gewissheit –, dass seit gestern überall auf der Welt Menschen jeden Alters wieder eines seiner Bücher in die Hand nehmen. Ob sie nur daran zurückdenken, wer es ihnen geschenkt hat, nostalgisch nach ihrer Lieblingsstelle zu blättern anfangen und dann doch irgendwann einen Stuhl vors Regal ziehen, oder gleich kapitulieren und es sich mit einer Tasse gemütlich machen – ganz gleich wie, er vereint uns zu einer bunten, weit verzweigten Familie, der man das wunderschöne Kompliment machen kann, dass sie gerne miteinander lacht. 

Meine Hoffnung ist, dass er in seinen letzten Wochen und Monaten noch in der Lage war, sich das bewusst zu machen. Denn selbst in der Art, wie er von uns gegangen ist, hat er uns noch eine Lektion mitgegeben. Ich spreche nicht so sehr davon, dass sein Beispiel hoffentlich die Debatte um selbstbestimmtes Sterben neu belebt, sondern vor allem von der Tatsache, dass wir ihm auf die ein oder andere Weise beim Sterben zuschauen mussten. Das Wissen um seine Krankheit ebenso wie seine letzten Bücher, die immer länger wurden, so als wollte er uns noch mehr mit auf den Weg geben oder einfach nicht loslassen, haben uns Zeit gegeben, um Abschied zu nehmen, uns mit der Realität abzufinden und nach vorne zu schauen. Und eben zu hoffen, dass er noch ganz bis zum Schluss wusste, dass er beim Tod einen mächtigen Stein im Brett haben muss.

(Diesen Nachruf haben auch meine wunderbaren Kolleginnen von Literatur & Feuilleton übernommen. Vielen Dank dafür!)

Montag, 9. März 2015

Was es nicht alles gibt

Nota Bene: Netto ist nicht gleich Netto
Die Soll- und Habenseiten dänischer Warensortimente sind überraschend und aussagekräftig. Vieles ist natürlich identisch – ein amerikanischer Schokoriegel heißt wie bei uns sieht genauso aus und schmeckt auch gleich. Deutsche Nuss-Nougat Crème schmeckt etwas anders, hat scheinbar mehr Zucker. Holländischer Kaffee hat hier einen dänischen Traditions-Markennamen, ist aber sonst vom Packungsdesign bis zum Geschmack identisch. Oft ist es auch die zusätzliche oder fehlende Konkurrenz, die einem auffällt. Wer in Deutschland Persil sagt, denkt auch Ariel, und umgekehrt, aber nur eine von beiden Marken gibt es auch hier. Und umgekehrt sind dann manche deutschen Marken in ihrem Marktsortiment dominant, vor allem bei Schokolade und Gummibärchen.

Hygienevorstellungen zwischen unseren großes Nationen scheinen auch auseinanderzugehen. Erst einmal gibt es hier keine Drogeriemärkte in unserem Sinn, sondern eher Parfümerien, die auch pflegende Kosmetik führen. Auch im Detail ist dann einiges anders. Manches gibt es einfach nicht – feuchtes Toilettenpapier habe ich jedenfalls noch keins gesehen –, anderes wird in ungewöhnlicher Weise verkauft. Packungsgrößen für Shampoos und Duschgels tendieren zu einem Format, das in vollem Zustand das Hanteltraining erspart. Gleichzeitig gibt es interessante Produktunterscheidungen, etwa die zwischen brauner und weißer Seife als Generalreiniger.

Vielen Dank für dieses Foto, Véro!
Und hat irgendwer Lakritze gesagt? Oder Schokoladenschaumspeise? Das man derartige Randgruppenspezereien zur Kunst erheben kann, überrascht mich immer aufs Neue, aber wie so oft macht es auch hier die Kombination. Auch wenn man sich daran gewöhnt hat, dass Flødeboller (Sahnebällchen) fester Bestandteil jeder gesunden Mahlzeit sind, übersteigt die Möglichkeit der Kombination mit Lakritze dann doch die deutsche kulinarische Vorstellungskraft. Und selbst wenn wir, global gesprochen, vielleicht weniger Probleme mit Zimt haben, kann einen der dänische Einfalls- und Kombinationsreichtum nur verblüffen. Lakritze kann an alles ran, aber Zimt muss an alles ran. Nach amerikanischem Vorbild gibt es in Kopenhagen an jeder Straßenecke einen Seven-Eleven-Laden mit minimalem, standartisiertem Sortiment. Neben den einzeln eingeschweißten Äpfeln sind meine Favoriten hier ganz klar die Backwaren. Wenn nicht alle mit Zimt sind, riecht es zumindest so. Einen ur-amerikanischen Laden in einem skandinavischen Land am Geruch von Zimt aufspüren zu können, hat schon was.

Nur was, das weiß noch keiner so genau.

Montag, 2. März 2015

Nachts quer durch Dänemark

Verkehrsverbünde sollten eigentlich etwas sein, worüber man sich freut. Man kann mit dem gleichen Ticket von A nach B, auch wenn B in einem anderen Kreis liegt oder so. In der Vergangenheit habe ich mich oft über willkürlich (und meist offensichtlich bewusst) gezogene Grenzen geärgert, wegen derer ich zusätzliche Fahrkarten gebraucht habe. Oder die es einem unmöglich machen, im Vorfeld eine Preisauskunft zu bekommen oder eine durchgehende Fahrkarte zu kaufen. Kurz gesagt dachte ich eigentlich immer, ich wäre der größte Fan von Verkehrsverbünden überhaupt.

Jetzt hat man sich in Kopenhagen gerade nach langer Treue von einer Nahverkehrstradition verabschiedet: der Klippekort. Diese lustigen Streifen aus dünner Pappe habe das Fortkommen mit Bus und Bahnen hier in der Vergangenheit schön unkompliziert gemacht. Karte in den entsprechenden knallgelben Automat stecken, auf das Geräusch von Datumsstempel und Zange warten, und los geht die Fahrt. Dass dieses System ein bisschen antiquiert ist, steht außer Frage, und der alte Öko in mir hat ein Problem mit dem ganzen Papier (mit aufgedruckten Hologrammstreifen, die Recycling schwierig machen dürften), das dafür gebraucht wird. Auch der Wartungsaufwand muss enorm gewesen sein, weil die Stempelmaschinen eigentlich ständig im Eimer sind und dann vor Ort von einem Servicemitarbeiter repariert werden müssen. Auch hier verstehe ich eigentlich völlig, warum dieses System durch ein anderes abgelöst worden ist.


Das neue System ist die Rejsekort, die nach Vorbild des Londons Oyster-Systems mit berührungsfreien Chipkarten funktioniert. Noch so eine Technik, die ich eigentlich mag, auch wenn es da ein paar Sicherheits- und Datenschutzbedenken gibt. Aber generell funktionieren diese Karten ordentlich, und wenn man nicht wie ich gleich mehrere von der Sorte im Portemonnaie hat, kann man die Karte sogar drinlassen, wenn man sich an einem der neuen, jetzt blauen Automaten registriert.

Warum ich trotzdem meckere? Hauptsächlich wegen der Notwendigkeit, sich bei jedem Wechsel des Verkehrsmittels neu anzumelden und am Fahrtende auszuchecken. Das ist für Umsteiger schon ein bisschen unbequem, und vor allem das Auschecken ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aber notwendig für alle Beteiligten, denn – und hier kommen wir zurück zum Verkehrsverbund – theoretisch kann ich von hier bis kurz vor Flensburg oder Malmö fahren, ohne ein zusätzliches Ticket zu kaufen. Das ist so lange großartig, bis man das Auschecken vergisst und das System denkt, man wäre noch immer unterwegs, die Nacht hindurch, theoretisch hunderte Kilometer weit. Na ja, dafür müsste man irgendwann in ein neues Verkehrsmittel einchecken, so dass man nur die ganze Nacht mit der S-Bahn von einer Endstation zu nächsten fahren könnte. Aber selbst das wäre dann einmal quer (oder vielmehr längs) durch Dänemark. Da wir alle nur Menschen sind, bekommt man in dem Fall noch nicht einmal eine große Strafgebühr berechnet. Stattdesaen landet man auf einer Liste von Verpeilern, die auch Betrüger sein könnten (und umgekehrt). Und nach ein paar Verstößen bekommt man die Karte gesperrt.

Mal sehen, wie lange das bei mir dauert ...

Freitag, 20. Februar 2015

Im Ernst?

Eines der Gesprächsthemen, auf das Ausländer in Dänemark immer wieder zurückkommen, ist der dänische Humor. Man ist hier stolz darauf, meistens über den Dingen zu stehen, locker drauf zu sein und über so ziemlich alles Witze machen zu können. Mohammed-Karikaturen sind da nur die Spitze des Eisbergs, und auch nach dem Anschlag vom Wochenende ist es fraglich, ob sich in der Hinsicht etwas ändern wird. Es versteht sich von selbst, dass da die Grenzen des guten Geschmacks und vor allem die Grenze zwischen Spaß und ernst oft nicht ganz eindeutig verlaufen – selbst für Einheimische. Wir Gastarbeiter sind deshalb manchmal ganz schön verunsichert, was denn hier ernstgemeint ist und was nicht.

Nehmen wir mal als Beispiel diese Skulptur. Ich will jetzt gar nicht ernsthaft spekulieren, was die Aussage dahinter ist, dass die Kleine Meerjungfrau Tentakel hat und aussieht, als hätte jemand ein unliebsames Plastikspielzeug liebevoll in der Mikrowelle Karussellfahren gelassen. Egal, wie man die Skulptur deutet, ist schon klar, dass sie ein Kommentar auf die 'echte' Meerjungfrau ist, die gerade mal einen Kilometer weit weg wohnt. Ja, es ist Kunst und dementsprechend etwas, dessen Vieldeutigkeit ich sowohl berufs- als auch überzeugungsmäßig bis zum letzten Atemzug verteidigen würde. Aber ein Teil von mir fragt sich dann doch, ob das ernstgemeint ist. Bei dem angrenzenden Skulpturenpark ist das etwas anderes, allein schon, weil die Elemente des Ensembles aufeinander Bezug nehmen. Da glaube ich schon, es mit etwas ernstgemeintem zu tun zu haben.

Die Tentakel-Meerjungfrau macht es mir da schwerer. Sicher hat dafür jemand Künstlerförderung gekriegt, und die Kosten für Material und Montage bewegen sich bestimmt in der Größenordnung eines Kleinwagens. Aber bestenfalls im Auktionshaus gilt 'Kunst ist das, was teuer ist' – und es ist ja auch gar nicht die Frage, ob es sich um Kunst handelt. Tut es, aber das gilt auch für viele Graffiti. Und genau wie diese scheint mir auch die Skulptur respektloser Spott zu sein; falls sie außerdem auch feingeistige Ironie oder andere 'ernste' Werte hat, verschließen sie sich mir. So auf den ersten Blick jedenfalls. Aber, und damit sind wir wieder am Anfang: wer weiß schon, wo da nach lokalen Geschmacksmaßstäben die Grenzen verlaufen? Bald sind hier wieder Wahlen, und ich freue mich schon wieder auf die Werbespots.

Andere Länder, andere (Un)Sitten. So ist das wohl. Und wer weiß schon, was überhaupt ernstgemeint ist. Bei Blogposts beispielsweise weiß ich das nie so recht. Schon gar nicht bei meinen eigenen.